Mittwoch den 22.11. hatte ich die seltene Gelegenheit die Unfallversorgung in PY zu testen.
Nach der Ultraschalluntersuchung von Lorybell führen wir etwa um 10:45 wie immer mit dem Motorrad heimwärts. Allerdings kamen wir nicht so schnell nach Hause wie geplant.
Auf der Eusebio Ayala, einer vierspurige Hauptstraße, sollte die Fahrt vorerst enden. Ich schaue immer auf die anderen Verkehrsteilnehmer, so auch an diesem Tag. Ich sah daß ein Terrano in die Hauptstraße nach links einbiegen wollte, blieb aber stehen. Daher schenkte ich ihm keine Aufmerksamkeit und schaute wieder gerade aus. Plötzlich sah ich im Augenwinkel daß sich die Bullefängerstoßstange näherte. Da war es natürlich schon für irgendwelche Manöver zu spät, weil die Distanz zu klein war. Die Stoßstange näherte sich langsam aber sicher immer weiter bis mich ein schwerer Schlag auf den Fuß und Unterschenkel vom Hocker riß. Lorybell natürlich auch. Die Maschine viel nach links um und wir landeten unsanft auf dem Asphalt. Die Polizei war sofort da weil die sowieso dort herumstehen. Jemand stellte die Maschine auf und ein anderer rief die Rettung an. Mein Handy lag 10 Meter weiter auf der anderen Richtungsfahrbahn. Das Display war über den Jordan gegangen.
Lorybell schrie wie am Spieß weil sie sich beide Knochen des Unterschenkel gebrochen hatte. Jemand faßte die Bruchstelle an und drückte herum. Lorybell schrie noch mehr und der Mann sagte sie habe sich die Knochen gebrochen. Ich schleppte mich hinkend zur nebenliegenden Tankstelle und kaufte mir eine Dose Cola.
Nach etwa 15 Minuten wurde Lorybell abtransportiert. Das Unfallkrankenhaus liegt nur etwa 3 km entfernt. Wenig später kam auch die zweite Rettung und ein Notarzt legte mir notdürftig eine Verband auf die 15 cm lange Schnittwunde die den Knochen freilegte. Man konnte den Knochen 2 cm breit einsehen. So hatte ich unverhofft die Möglichkeit des Anatomiestudiums meines starken Knochen.
Ich schleppte mich auch in den Krankenwagen nachdem die Polizei und die Freiwillige Feuerwehr, die die Krankentransporte durchführte, alle Daten aufgenommen hat.
Man merkte daß es sich um die Feuerwehr handelt, denn so war auch sein Fahrstil. Nur mit aller Kraft konnte ich mich in den Kurven festhalten.
Im Unfallkrankenhaus angekommen hoben mich die Leute auf die fahrbare Tischbetten und ab gings zur Untersuchung. Der Arzt wollte von oben bis unten röntgen, was aber nicht notwendig war, weil ich nur am Fuß verletzt war. Ich verweigerte die unnötigen Röntgenaufnahmen.
Danach schob mich ein Angestellter in den Gang vor dem Röntgenraum. Ich dachte mir wo denn Lorybell sein könnte und sah mich nach hinten um und sieh da, sie war auch dort und wartete auf das Röntgen. Ich winkte ihr zu und sie winkte schwach zurück. Ihre größte Sorge war natürlich das Baby. Wie sie ins Krankenhaus kam wurde sofort ultrageschallt um zu sehen ob dem Baby nichts passiert war. Sofort war klar daß es sich offensichtlich sehr erschreckt hat aber sonst alles in Ordnung war.
Nach dem Röntgen kam Lorybell wieder in die Folterkammer. Ein Saal mit etwa 10 Boxen die durch Vorhänge getrennt sind. Nachdem ich beim Röntgen fertig war, kam ich auch dort hin. Weinend lag Lorybell auf dem Fahrbett, denn sie hatte große Schmerzen. Ich wurde zwei Boxen weiter geparkt. Als sie wieder laut weinte, humpelte ich zu ihr um zu sehen was los ist.
Dort geht es zu wie in einem Taubenschlag. Laufend werden verletzte Menschen herein und hinaus gefahren. Ich sah einen jammernden Mann mit einer 7 cm großen vermutlichen Stichwunde seitlich am Bauch.
Bald darauf kam ein Medizinstudent und bereitete sich zur Folter vor. Eine Studentin sollte ihm helfen. Langsam stach er mir die Nadel mit der Betäubungsspritze in die Haut und jedes Mal schrie ich leise auf. Nachdem die Betäubung wirkte war es natürlich kein Problem mehr. In etwa 2 Stunden nähte er mich wieder zusammen. Problematisch waren die Fäden, die immer wieder abrissen weil durch die 2 cm Breite Wunde eine große Spannung auf der Haut war.
Literweise schüttete der Student Desinfektionsmittel über die Wunde um eine Infektion auszuschließen.
Lorybell richteten 3 Mann die Knochen wieder ein indem sie sie unter den Armen festhielten und die anderen am Bein zogen bis die Knochen wieder einrasteten.
Inzwischen gab ich per Handy unserem Hausmädchen Anweisungen wegen einer Ware die ein Kunde in Encarnacion dringend brauchte und umbedingt an diesem Tag geschickt werden mußte.
Nach getaner Arbeit bekam ich einen halben Gips zur Stabilisierung um den Fuß nicht zu stark zu bewegen. Auch eine Tetanusspritze wurde mir verpaßt. Obwohl ich immer Angst vor Spritzen habe, war die Impfung im Vergleich zu den Betäubungsspritzen ein reines Vergnügen.
Lorybell bekam auch nur einen halben Gips weil sie kein Geld bei sich hatte um alles kaufen zu lassen. Ich hatte natürlich genügend, aber sie fragte mich nicht danach.
Wie alles fertig war bakam ich eine Liste mit den Materialien die zu ersetzen waren. Diese muß man dann in den gegenüber liegenden Apotheken kaufen. Natürlich konnte ich nicht gehen und daher gibt es fliegende Verkäufer in den Apotheken die dann kommen, die Liste mitnehmen und nach kurzer Zeit das gewünschte anschleppen. Man bezahlt und das Personal überprüft das Material und bestätigt den Empfang.
Die Kosten waren 220.000 Gs für das Material und noch 88.000 für die Röntgenbilder. Also zusammen 308.000 Gs, das sind etwa 44 Euro. Handwerkerkosten werden nicht verrechnet.
Am frühen Abend, nachdem alles erledigt war, ließen wir ein Taxi kommen das uns dann nach Hause brachte. Die Maschine, die bei der Tankstelle abgestellt wurde, holt ich dann am Freitag ab.
Zu Hause setzten wir uns auf einen Gartenstuhl. So saßen wir da und wußten nicht wie wir in den ersten Stock kommen sollten. Unser Hausmädchen holte dann unseren Nachbar der sie mit dem Stuhl hinauftrug. Sie konnte sich wegen der Schmerzen fast nicht bewegen. Ich bemerkte auch nicht daß sie nur einen Halbgips hatte. Erst am nächsten Abend ließen wir uns von der Apotheke Gipsfaschen bringen und im Bett verstärkte ich ihr den Gips sodaß er rundum komplett war. Erst so konnte sie sich mit erträglichen Schmerzen etwas bewegen.
Ich hatte ausser der Schnittwunde auch einen geschwollenen, in allen Farben schillernden Fuß der bis heute immer noch geschwollen und gefühllos ist. Gestern habe ich den Verband erstmals abgenommen und soweit ich sehen kann habe ich keine Infektion und es verheilt ganz gut.
Nach einigen Tagen hat anscheinend der Heilungsprozeß bei Lorybell begonnen und somit kann sie sich auch schon etwas leichter bewegen. Aufstehen kann sie allerdings noch nicht.
Zusammenfassend kan ich sagen daß die Unfallversorgung in PY gesichert ist wenn auch nicht sehr luxuriös. Die Versorgung ist ausserdem sehr kostengünstig und das Handwerkerpersonal bemüht sich redlich alles gut zu machen.
Hier die neuesten Fotos:
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