SÜDAMERIKA: „Die Ernte für die Menschen, nicht für die Autos“17.04.2007 | 18:24 | Von unserem Korrespondenten CARL D.GOERDELER (Die Presse)
Energiegipfel in Venezuela: Chávez macht es nervös, dass Brasilien auf Ethanol setzt und sein Öl schmäht.
RIO/PORLAMAR. Das Hilton-Hotel in Porlamar auf der Ferieninsel Margarita, Venezuela, war in den vergangenen Jahren noch nie so ausgebucht. Denn hier tagt seit gestern, Dienstag, der Erste Energie-Gipfel der Gemeinschaft südamerikanischer Staaten, zu dem die Präsidenten und Staatschefs aller zwölf Länder auf Einladung von Hugo Chávez gekommen sind; bloß Uruguay schickte den Vize.
„Los alimentos son para hombres, no para autos!“, ermahnt ein haushohes Plakat, das die venezolanische Regierung vor dem Hilton hat platzieren lassen. „Die Ernte für die Menschen – und nicht für die Autos!“ Darum geht es unter anderem auch auf diesem Gipfel: Darf man Kulturpflanzen wie Mais oder Zuckerrohr oder Raps zu Sprit verarbeiten, oder darf man damit nur den Hunger stillen?
Dazu hat sich auch der genesende Fidel Castro geäußert. Er fände es eine Schweinerei, wenn man – wie die Yankees – den Armen den Mais vom Teller wegnähme, um ihn den Reichen als Ethanol in den Tank zu schütten. Castro ist in Porlamar nicht dabei, doch Chávez ist ohnehin einer Meinung mit seinem Mentor.
Ihre Kritik gilt Brasilien, das mit seinem höchst erfolgreichen Bio-Treibstoffprogramm auf der Basis von Zuckerrohr die Ethanol-Weltmacht Nummer eins sein will. „Wir sind reich an nachwachsendem Rohstoff, an Ethanol. Sie (die Venezolaner) sind reich an Erdöl; jeder versucht sein Produkt so teuer wie möglich zu verkaufen“, gab Brasiliens Außenminister Celso Amorim zurück. „Für die Einheit des Südens“ lautet das Motto des Gipfels. Chávez versteht darunter, dass alle nach seiner Pfeife tanzen – so, wie er es in seiner Heimat propagiert. Das bedeutet: Venezuela, das fünftgrößte Erdölförderland der Erde, bindet Südamerika energiepolitisch ein, verkauft seinen fossilen Rohstoff zu Vorzugspreisen – verlangt dafür aber auch ideologische Gefolgschaft im Kreuzzug gegen die Yankees. Im Grunde mag Hugo Chávez so etwa wie eine südamerikanische Opec vorschweben.
Traum von der Superpipeline
Nur das kleine Uruguay hat keine eigenen Rohstoffquellen; es ist auf den Weltmarkt angewiesen. Deshalb ist es kein Zufall, dass Montevideo nur den Vize zum Gipfel geschickt hat. Die anderen aber: Venezuela (Öl), Kolumbien (Öl und Kohle), Ecuador (Öl), Peru (Öl, Gas), Bolivien (Gas), Argentinien (Öl, Gas), Chile (Kupfer), Paraguay (Wasserkraft), Guyana (Wasserkraft), Surinam (Wasserkraft) und Brasilien (Öl, Ethanol, Wasserkraft) produzieren viel mehr an fossiler oder nachhaltiger Energie, als sie derzeit überhaupt verbrauchen können.
Nach wie vor liefert das „sozialistische“ Venezuela von Chávez sein hochwertiges Öl an den Erzfeind, die USA. Und nach wie vor fließt Erdgas aus Bolivien nach Argentinien und Brasilien, obgleich unter Evo Morales die Quellen verstaatlicht und die Preise verdreifacht wurden.
Chávez träumt den Traum von einer transkontinentalen Erdölpipeline, die aus Venezuela kommend den ganzen Kontinent wie mit einer Nabelschnur versorgt. Und er säße dann am Hahn. Doch eine solche Pipeline wird wahrscheinlich nie gebaut.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2007)
Quelle:
http://www.diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/298236/index.do?_vl_backlink=/home/politik/index.do