Wo der «kleine Jesus» trippelt
Das Pantanal, das grösste Feuchtgebiet der Erde, ist Heimat für Jaguar, Kaiman und Co.
Im Pantanal, in Südwestbrasilien, hat das Wasser Augen. Dutzende dunkler Knubbel ragen knapp über die Oberfläche, etwas Grünes leuchtet darin. Kommt man ihnen zu nahe, tauchen sie ab. 35 Millionen Kaimane bevölkern die Flüsse und Lagunen.
Bis zu zweieinhalb Meter lang werden die Kaimane, Fischfresser allesamt, die wissen, was sie der Evolution schuldig sind: Freiwillig räumen sie Strand und Flussabschnitte nur, wenn der Homo sapiens zum Baden schreitet. In der Caiman Lodge hat vor 20 Jahren ein alter Mann begonnen, sie zu füttern. «Hoho!», schreit der Führer und stösst einen Stock auf die Erde. Schon teilt sich der grüne Belag auf dem Wasser, von allen Seiten schieben sich krautgeschmückte Ungeheuer an Land und staksen nebeneinander und übereinander zum Futterplatz. Sie gönnen sich als kleinen Snack ein Stück Rinderlunge.
Eine Kuh auf drei Hektaren
Wie eine flache Riesenbadewanne von fast der Grösse Rumäniens liegt das Pantanal im Staat Mato Grosso. Regen ist sein Lebenssaft. Alljährlich von November bis März füllt er das Becken. Im April und Mai schieben sich gewaltige Wassermassen nach Süden zum Rio Paraguay. Die Flüsse schwellen an, brausend füllen sich die Senken, schliesslich stehen bis zu vier Fünftel des Landes unter Wasser, ein amphibisches Paradies, aus dem einzelne Baumgruppen und Hügel ragen. Ab Juni verdunstet das Wasser. Jetzt wird es höchste Zeit für die Fische, Flüsse und Seen zu erreichen - das sind kulinarische Festtage für Kaimane, denen an immer schmaleren Rinnsalen die Leckerbissen in den aufgesperrten Rachen schnellen. Im Juli setzt die Trockenzeit ein, das grosse Sterben für Piranhas, Anakondas und Kaimane, die ihre versumpfenden, dann lehmig-rissigen Löcher nicht mehr verlassen konnten.
Ende des 19. Jahrhunderts entstanden im Pantanal grosse Viehfarmen, die riesigen Fazendas. Gedüngt oder gefüttert wurde damals nie; eine Kuh pro drei Hektaren Land galt als Schlüssel. Dank dieser extensiven Nutzung des Landes blieb die Natur erhalten. Heute, im Zeitalter der Schnell- und Billigproduktion, gilt das nicht mehr. Kam ein Rinderzüchter vor 25 Jahren mit einer Farm von 3500 Hektaren noch einigermassen über die Runden, braucht er heute 15 000 Hektaren. Die Folge: Bäume fallen, widerstandsfähiges Gras aus Afrika wird ausgesät, die Grossen fressen die Kleinen, und die Pläne, in den Randgebieten des Pantanal eine riesige Zuckerrohrindustrie mit den dazugehörigen Fabriken und Abwässern aufzubauen, schlummern, wohl nur vorübergehend in die Schubladen verbannt.
Der Tourismus könnte dem Pantanal etwas Luft verschaffen. Den ersten Anstoss dafür gab das Fernsehen. Von März bis Dezember 1990 strahlte ein Sender die Telenovela «Pantanal» aus, eine Soap mit aufbrausenden Lockenköpfen, glutäugigen Schönheiten und gefühlvollen Liedern. Und ganz plötzlich galt es in Brasilien als chic, der abgelegenen Region einen Besuch abzustatten. In den folgenden Jahren entstanden Touristenunterkünfte ganz unterschiedlichen Stils. Edle Resorts etwa, wie das Refúgio Ecológico Caiman, 240 Kilometer östlich von Campo Grande im Süden, in dem jede der vier Lodges über einen eigenen Swimmingpool verfügt. 27 000 Stück Vieh gehören zur 55 000 Hektaren grossen Ranch, und an «Cowboy Days» kann sich der Besucher selbst in den Sattel schwingen und beim Markieren der hellgrauen, knochigen Rinder dabei sein.
Eine andere, die Fazenda Rio Negro, 120 Kilometer nördlich von Aquidauana, hält es eher mit der Ökologie. 1999 kaufte die Naturschutzorganisation Conservation International die alte Farm am Rio Negro, richtete in den Pferdeställen geräumige Zimmer ein, empfing die ersten Gäste und steckt seitdem die Gewinne in Projekte zur Erforschung und zum Schutz des Pantanal. Das benachbarte Recanto Barra Mansa dagegen, etwa eine Stunde Jeep-Fahrt entfernt, setzt auf seinen kleinen, familiären Rahmen. Nur sechzehn Gäste finden Platz, die Köchinnen tischen Spezialitäten der Region auf, wie Huhn in brauner Biersauce, Kürbis, gefüllt mit sonnengetrocknetem Fleisch.
«No Pantanal siga o Pantaneiro», ziert als Slogan die T-Shirts der Angestellten von Barra Mansa: Im Pantanal folge man dem Einheimischen. Der bringt seine Gäste im Kanu, zu Fuss, per Jeep oder auf dem Pferd hinaus in die freie Natur, in die grasige, mit Bromelien-bewachsenen Baumriesen locker bestandene Savanne, in sandige Palmwälder oder auf sumpfige Seen. Er versucht, ihnen möglichst viel von dem vor Augen zu führen, weswegen sie gekommen sind: Jaguar, Gürteltier und viele mehr, die Passagierliste der Arche, Abteilung Pantanal. Geschöpfe wie den Tapir etwa. Schwarz glänzend und kompakt wie eine kleine Lokomotive entsteigt er seinem Morgenbad. Eine Herde Pekaris ist vor ein paar Stunden erst vorbeigezogen, wie der Gestank verrät, eine Art Wildschweine, die mit ihren mächtigen Hauern sogar Pferde angreifen. Gefährlicher sind bloss die wilden Bienen. Eine Nasenbärenfamilie schnüffelt am Fuss der Bäume: pfiffige Gesichter mit langen Nasen und weiss umrandeten Augen, den Schwanz immer schön steil nach oben gereckt. Zwei Schildkröten kopulieren, am tiefsten Punkt einer sandigen Scharte ringelt sich ein Gerippe, eine Anakonda, meint der Führer. Verhungert. Von fern dringt ein Brausen, wie aufkommender Sturm:
plaudernde Brüllaffen.
Rotstirnblatthühnchen
Als das Kanu am nächsten Tag den Rio Negro hinuntergleitet, fallen mit ihrem schnarrenden «arra arra», das Gefieder schimmernd in fast unglaublichem Metallic-Blau, vier Hyazintha-Aras in einen Baum ein. Stahlblaue Morpho-Schmetterlinge trudeln vorbei, aus dem vielfältigen Grün des Uferwaldes leuchten knallgelb die Blüten des Ipe-Baumes. Im Schlamm wühlen Familien stoischer Wasserschweine, sie sind überdimensionierten Hamstern nicht unähnlich, und tauchen erst spät und mit empörtem Husten ab. Ein Schlangenhalsvogel sitzt wie gemeisselt im Baum, schwarzweisse Scherenschnäbel schnappen in rasendem Flug einen Fisch aus dem Wasser, farbenprächtige Hühnervögel picken am Ufer im Sand. Vögel, 365 bisher gezählte Arten, sind überall. Ein Nandu-Vater führt seine 21 Küken spazieren und zeigt ihnen, wie man Schlangen greift. Ibisse sicheln mit gebogenen Schnäbeln durch den Schlamm, Geier zerren an einem Pferdekadaver, und ein riesiger Jabiru- Storch, das Wahrzeichen des Pantanal, stolziert gelassen auf und ab. Rotstirnblatthühnchen trippeln übers leichte Grünzeug wie der Heiland übers Wasser; «kleiner Jesus» nennen sie sie deshalb auch, Jesus menhino.
Und der Jaguar? Plötzlich ist er da. Verharrt überrascht, 30 Meter entfernt auf einem Uferstreifen am Fluss. Eine schön gefleckte, alles andere als niedliche Katze steht da, eingefroren für einen Moment, sehr kompakt, sehr muskulös, sehr real. Zwei, drei geschmeidige Sätze, schon ist sie im Grün verschwunden. Es wird Abend im Pantanal. Schwarz, fast tintig ist jetzt das Wasser. Das blasse Licht des Tages hat sich mit satten Gold- und Rottönen vollgesaugt, die Bäume rücken zu einer dichten Wand zusammen. Frösche beginnen zu knattern wie ein ganzes Geschwader Modellflugzeuge. Hoch und hell hallt es dann aus dem Wald. Das Abendkonzert hat begonnen, die Wachszikaden haben ihren Auftritt.
Franz Lerchenmüller
Das Pantanal umfasst 230 000 km[2] einen Viertel des brasilianischen Gliedstaats Mato Grosso, und ist damit fast sechsmal so gross wie die Schweiz (viele Infos und Links auf pantanal.ch).
Quelle:
http://www.nzz.ch/2007/02/01/to/articleEMCYT.htmlApolda